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Das Evangelium des heutigen Sonntags kann man auf zweierlei Weise verstehen.
Erstens: Wer nicht viele gute Werke tut, wird von Gott für seine Sünden zur Rechenschaft gezogen und bestraft.
Zweitens: Im Sinne Jesu. Also als Illustration der Vater-unser-Bitte: Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Es ist nämlich mit der Vergebung eine eigenartige Sache. Man kann sie nur weiterschenken.
Was ist eigentlich Vergebung? Vergeben heißt ja nicht vergessen oder ungeschehen machen, sondern angesichts einer Schuld trotzdem mit dem reuigen Schuldigen weiterzuleben. Eigentlich ist das unmöglich. Man müsste ja dumm sein und gegen seine berechtigten Interessen handeln. Von Natur aus wollen wir Gerechtigkeit, bestenfalls Fairness, aber keine Vergebung schenken.
Man kann sie nur weiterschenken. Nur wer selber Vergebung erfährt, wird fähig, selber zu vergeben. Nur wer selber schuldig geworden ist, ganz ohne Ausrede und Entschuldigung, und dann trotzdem unverdient von dem Geschädigten die Hand gereicht bekommt, weiß was Vergebung ist. Im Idealfall verwandelt sich seine Dankbarkeit in die Fähigkeit, auch einmal selbst Vergebung zu gewähren.
Für Christen bedeutet das, die vergebende Liebe Gottes gerne in Anspruch zu nehmen. Das setzt die Einsicht in die eigene Sündhaftigkeit voraus. Aber dem eigenen Gewissen stellen kann sich nur, wer sich von Gott in treuer, unverbrüchlicher Liebe geborgen weiß.
Das sind die drei Schritte der Gewissenserforschung: Vor dem Angesicht Gottes, des unbedingt Liebenden, sich seinen Verfehlungen stellen, die grundlose Vergebung gegen alle Logik akzeptieren und die Dankbarkeit in den Wunsch oder zumindest die Bereitschaft verwandeln, selber dem anderen, der gegen alle Logik um Vergebung bittet, diese auch zu schenken.
Dann ist die Vater-unser-Bitte in Erfüllung gegangen.
(Diakon Dr. Adreas Bell) |