EIN JAHRESKREIS VOLL LEBEN Für Erwachsene
Nein, Weihnachten ist nicht romantisch. Definitiv nicht. Ein Mann und seine hochschwangere Frau ziehen zu Fuß durch weites Land, bleiben am Ziel obdachlos, die Frau kommt ohne medizinische Unterstützung nieder und legt den Säugling neben Zuchtvieh oder Tragtiere in einen Futtertrog. Die ersten, ungefragten Besucher sind Hirten, also zwielichtige Gesellen ohne festen Wohnsitz, ungepflegt und streng riechend. Das ist nicht romantisch.
Mehr noch, die Geschichte wird skandalös. Ausgerechnet die Unberührbaren bekommen von Gott selbst die Deutung dieses Geschehens: Gott wird Mensch; ausgerechnet im sozialen Abseits wird der ewige, allmächtige Herr des Himmels und der Erde ein Menschlein. Es müsste uns schütteln bei diesem Evangelium.
Aber jede andere Erzählung wäre keine frohe Botschaft. Denn die Zumutung ist unsere Rettung. Gottes grenzenlose Liebe, seine unausdenkbare Menschenfreundlichkeit zu jedem einzelnen von uns hätten wir nie erfahren, wenn dieser Gott nicht seine Jenseitigkeit zurückgelassen hätte und Mensch geworden wäre. Und wir könnten seine unbedingte, rückhaltlose Liebe nicht ernst nehmen, wenn dieser Mensch namens Jesus Christus nicht ein Leben gelebt hätte, das wohl schmerzhafter und entbehrungsreicher war als das unsrige. Wenn dieser Jesus zwischen Krippe und Kreuz aus der unüberbietbaren Gemeinschaft mit Gott-Vater leben konnte, allen Ängsten zum Trotz, dann können wir das erst recht. Dann wird die Geburt Christi zum Anfang eines gewaltigen Triumphs.
Und dann, aber erst dann, dürfen wir romantisch werden.
(Diakon Dr. Andreas Bell)